UAW: Sumatriptan und Sulfhämoglobinbildung
In einem Fallbericht wird die Bildung von grünem Sulfhämoglobin nach Einnahme von Sumatriptan beschrieben (1).
Ein 42jähriger Mann wurde wegen posttraumatischem Kompartmentsyndrom beider Beine stationär aufgenommen. In der Vorgeschichte hatte er während mehrerer Monate täglich 200 mg Sumatriptan eingenommen (Normdosis: einmalig 100 mg), ferner Zopiclon und Diclofenac. Auffallend war seine eher dunkle Gesichtsfarbe. Herzfrequenz (110/min), Blutdruck (135/80 mmHg), Sauerstoffsättigung bei Spontanatmung (91 %) und Atemfrequenz (16/ min) lagen im Normbereich, die Kreatinkinase war deutlich erhöht. Intraoperativ erhielt der Patient Dimenhydrinat, Morphin und Natriumhydrogencarbonat. Bei Katheterisierung der Radialisarterie fiel die schwärzlich-grünliche Färbung des Blutes auf. Die Sauerstoffsättigung betrug dann normgerecht 94-96 %, der Sauerstoffpartialdruck im Blut ebenfalls normgerecht 135 mmHg, jedoch war die Sulfhämoglobinkonzentration mit 2 g/L erhöht. Nach Entlassung aus der Klinik beendete der Patient die Einnahme von Sumatriptan und wies 5 Wochen später keine messbaren Sulfhämoglobinspiegel mehr auf.
Eine Sulfhämoglobinämie als Ursache einer peripheren Zyanose ist wesentlich seltener als eine Methämoglobinämie und wird wie diese ebenfalls durch oxidierende Arzneistoffe ausgelöst, zum Beispiel Paracetamol (2), Metoclopramid (3), Flutamid (4), Sulfonamide (5) oder Phenazopyridin (6), wobei gleichzeitig ein Schwefeldonor für den Einbau des Schwefels in das Hämoglobin verfügbar sein muss. Obwohl die Bildung von Sulfhämoglobin irreversibel ist und Sulfhämoglobin den Sauerstofftransport in das Gewebe auch nicht übernehmen kann, ist die klinische Symptomatik meist wesentlich weniger gravierend als bei der Methämoglobinämie. Die Rückbildung erfolgt durch den physiologischen Ersatz der Erythrozyten (Lebensdauer: 120 Tage). Ein Antidot existiert nicht. Eine mögliche Therapie besteht in Transfusionen. Wesentlich ist jedoch, dass analytisch die Absorptionsspektren von Sulfhämoglobin und Methämoglobin bei 620 nm schlecht unterscheidbar sind und bei der Blutgasanalyse deshalb oft fälschlich das Vorhandensein von Methämoglobin diagnostiziert wird. Methylenblau ist jedoch kein Antidot für eine Sulfhämoglobinämie4. Ferner können Messergebnisse der Pulsoximetrie durch eine Sulfhämoglobinämie verfälscht werden.
Als Schwefeldonor muss im vorliegenden Falle Sumatriptan angesehen werden, das eine Sulfonamidstruktur aufweist. Bei einer Einnahme von 3 mal täglich 300 mg Sumatriptan über 7 Tage kumuliert Sumatriptan zu etwa 30 Prozent (7). Da Naratriptan eine ähnliche chemische Grundstruktur aufweist und mittlerweile aus der Verschreibungspflicht entlassen wurde, kann die beschriebene unerwünschte Arzneimittelwirkung in der Praxis an Bedeutung zunehmen, wenn Fehl- und Übergebrauch vorliegen. Wir bitten daher um Beachtung, vor allem da zyanotische Verfärbungen der Hände und des Gesichts auffällig sind.
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Literaturhinweise:
Flexman AM, DelVicario G, Schwarz SKW (2007) Dark green blood in the operating theatre. Lancet 369: 1972´
Lu HC, Shih RD, Marcus S, Ruck B, Jennis T (1998) Pseudomethemoglobinemia. Arch Pediatr Adolsc Med 152: 803-805
Langford JS, Sheikh S (1999) An adoslescent case of sufhemoglobinemia associated with high-dose metoclopramide and N-acetylcysteine. Ann Emerg Med 34: 538-541
Kouldes PA, Abboud CN, Fairbanks VF (1996) Flutamide-induced cyanosis refractory to methylene blue therapy. Br J Hematol 94: 73-75
Noor M, Beutler E (1998) Acquired sulfhemoglobinemia. WJM 169: 386-389
Gopalachar AS, Bowie VL, Bharadwaj P (2005) Phenazopyridine-induced sulfhemoglobinemia. Ann Pharmacother 39: 1128-1130
Dinnendahl V, Fricke U (Hrsg.) Arzneistoff-Profile, Govi Verlag, Eschborn, 2006
PZ 31/07